Amos Oz
Geschichten aus Tel Ilan
Verlag: Suhrkamp Verlag KG
ISBN 3518420674
EAN 9783518420676
In seinen „Geschichten aus Tel Ilan“ entführt der bekannte israelische Schriftsteller Amos OZ den Leser in ein über hundert Jahre altes Dorf in der israelischen Provinz. Dieses Dorf könnte überall in Europa sein, denn die Einsamkeit, die sich wie ein roter Faden durch alle Geschichten zieht, hat weder mit der speziellen Situation Israels noch mit der Schoah zu tun. Erzählt wird vielmehr von dem Auseinanderbrechen der Familien. Dies wird bereits in der ersten Geschichte deutlich. Ein von seiner Frau verlassener und wieder bei seiner Mutter lebender Mann wird von einem Rechtsanwalt besucht, der vorgibt ein Verwandter zu sein. Der Rechtsanwalt schlägt vor, was sich der Mann im Geheimen erträumt: die Mutter ins Altersheim zu bringen und das Haus lukrativ zu verkaufen. Ohne Einladung folgt der Rechtsanwalt dem Mann ins Haus. Das Ende dieser Geschichte ist unheimlich und kafkaesk. Beide Männer liegen neben der Mutter im Bett, der Anwalt küsst sie und streichelt ihre Hand.
In einer anderen Geschichte wartet die alleinstehende Ärztin des Dorfes vergeblich auf die Ankunft ihres geliebten Neffen. Während sie ohne ihren Neffen von der Bushaltestelle des Dorfes zurückkehrt, macht sie sich Gedanken über den Verbleib des schon seit seiner Kindheit verträumten Jungen und so erfährt der Leser eher beiläufig etwas über die besondere Beziehung zwischen Tante und Neffen. Das Abendessen, das die Tante für ihren Neffen vorbereitet hat, muss sie alleine zu sich nehmen, und der Leser muss seine Gedanken über den möglichen Fortgang der Geschichte ohne den Autoren weiterspinnen.
Amos Oz unterhält uns bestens in seinen abgründig und stilistisch hervorragend geschriebenen Geschichten. Jede Geschichte hinterlässt beim Leser die Enttäuschung darüber, dass sie schon zu Ende ist.
Karin Alberti